
Nike Bätzner
Körper in Aktion Anhand performativer Aktionen wird exemplarisch untersucht, welche Intention jeweils zugrunde liegt und welche Wirkungskraft diese Aktionen möglicherweise entfalten wollten oder konnten. Im Fokus stehen Aufführungen und Aktionen des Living Theatre und von Pussy Riot. baetzner@burg-halle.de
Clara Berlich
Läuternde Übergänge: Katharsis in der Krise Seit Aristoteles’ Definition der Tragödie in der Poetik bildet die Katharsis den Ausgangspunkt einer langen Debatte über die (erwünschte, mögliche, notwendige…) Wirkung der Künste. Von Beginn an sind dabei zwei Dimensionen verschränkt: die ethisch-politische Frage nach der Gemeinschaft und die medizinische Frage nach Kunst als Pharmakon. Dabei wird Katharsis immer wieder zum Versprechen eines Übergangs: von Leidenschaft zu Moral (Lessing), von Partikularität zum Absoluten (Lukács) oder von Passivität zu Handlung (Gramsci). Der Vortrag fragt nach diesem ‚Übergang‘ und nimmt dieses Versprechen zum Ausgangspunkt, um die Geschichte des Katharsis-Begriffs sowohl mit als auch gegen den hartnäckigen Traum von Reinigung zu lesen, in Rückgriff auf insbesondere Gramsci, aber auch auf Hannah Arendts Beschreibung der Handlung als zweiter Geburt und Lacans Ausführungen zu Tragödie, Katharsis und zweitem Tod. Das Konzept der Katharsis wird als ein Raum gelesen, in dem die Beziehung zwischen künstlerischem Handeln, Affekt und gesellschaftlicher Wirkung neu befragt werden kann. cl.berlich@gmail.com
Karen Van den Berg
Größe, Wow-Effekte und die Managerialisierung der Kunstproduktion Der Vortrag wirft einen Blick in den Maschinenraum der aktuellen Kunstproduktion und beleuchtet den tiefgreifenden Wandel des Produktionsapparats, in dem immer größer werdende Ausstellungsräume und Biennalen mit immer spektakuläreren Werken aufwarten. Dabei wird diskutiert, welche Folgen diese Entwicklungen für das Selbstverständnis von Kunstschaffenden haben und was es bedeutet, wenn Künstler:innen zu Manager:innen ihrer Großproduktionen werden. karen.vandenberg@zu.de
Alessandro Bertinetto
Habits and aesthetic agency The talk will examine the role of habits in aesthetic agency. By aesthetic agency, I refer both to the forms of agency exercised by aesthetic agents – not only artists, but anyone engaged in aesthetic practices – and to the ways in which aesthetic artefacts, including but not limited to works of art, shape and orient the experience and activity of those who encounter them. The relationship between habits and aesthetic agency is often presented as a tension. According to one influential view, habits hinder – or even preclude – genuinely aesthetic agency because their tendency to reproduce established patterns of action conflicts with the openness, responsiveness, and creativity characteristic of aesthetic engagement. By contrast, other authors regard habits as indispensable for the exercise of aesthetic agency within specific aesthetic domains. I argue that this apparent opposition rests on an unduly narrow conception of habit as mere mechanical repetition. Once habits are understood as dynamically evolving dispositions that organise not only action but also perception, attention, and thought, they emerge not as obstacles to aesthetic agency but as one of its enabling conditions. They provide the practical and perceptual resources that make meaningful aesthetic agency possible while remaining open to transformation through their very exercise. On this view, aesthetic agency neither consists in the rejection of habits nor in their mechanical reiteration. Rather, it is a form of practice in which habits continuously reorganise themselves in response to the normative and situational demands of aesthetic engagement. Aesthetic habits are therefore best understood as self-modifying dispositions: they stabilise aesthetic agency without ossifying it, making possible a responsive and creative engagement with ever-changing aesthetic situations. alessandro.bertinetto@unito.it
Florence Borggrefe
Künstlerisches Handeln als (Für-)Sorge. Zur relationalen Bestimmung von Intentionalität und Wirkung. Der Beitrag versteht künstlerisches Handeln als eine Form der (Für-)Sorge und schlägt damit eine eigene Perspektive auf die Intentionalität und Wirkung der Künste vor. Im Zentrum steht die Frage, wie sich ihr Zusammenhang als relationale Transformation von Beziehungen beschreiben lässt. Anknüpfend an die pragmatistische Ästhetik und Handlungstheorie John Deweys sowie an feministische Care-Theorien wird künstlerisches Handeln als relational, dynamisch und offen rekonstruiert, in dem sich etwa Mittel und Zwecke wechselseitig hervorbringen. Wirkung erscheint dabei nicht als äußerer Effekt, sondern als Transformation von Beziehungen. Diese Perspektive wird im Modell eines relationalen Dreiecks künstlerischer (Für-)Sorge (Selbst–Andere–Welt) entfaltet. florence.borggrefe@zhdk.ch
Linn Burchert
Historische Vorbilder? Die Kunst- und Bildproduktion der britischen Suffragetten zwischen Emanzipationsbestreben und konservativen Folgen Den Suffragetten-Bewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wird vielfach und zurecht zugesprochen, Traditionen politischer Kampagnen innoviert und an veränderte Medienrealitäten wirksam angepasst zu haben. Der Kampf um das Frauenwahlrecht in Großbritannien war von Formen geprägt, die kreative und künstlerische Aktivist:innen bis heute aufgreifen: Theatrale Prozessionen, Angriffe auf Kunstwerke in Museen sowie eine mannigfaltige Bild- und Kunstproduktion, die der Bewegung Identität verleihen und ihre zentralen Themen der Öffentlichkeit vermitteln sollte. Dabei sind es gerade die Widersprüche in den Identifikationsangeboten in der ersten Phase des Feminismus, Spaltungen innerhalb der Bewegung und divergierende politische Überzeugungen und Strategien, die in diesen visuellen Praktiken zutage treten und aus heutiger Sicht Erkenntnispotenzial entfalten: Moralisierende, nationalistische, geschlechter-essenzialisierende und ‚klassistische‘ Bilder gewannen dabei an besonderer öffentlicher Präsenz und deuten auf den vielfach reaktionären Bildgebrauch unter sozialen Bedingungen hin, in denen gesellschaftliche Emanzipationsbestrebungen erschwert werden, und wie diese gerade in und durch künstlerische und visuelle Medien in zu problematisierende Identitätspolitiken umschlagen. L.Burchert@zikg.eu
Gianluca De Candia
Formativität als allelopoietischer Formgebungsprozess: Luigi Pareysons Ästhetik und die Zweckmäßigkeit des Kunstwerks Der Beitrag vertritt die These, dass Luigi Pareysons (1918–1991) Begriff der Formativität als meta-aristotelischer Begriff zu verstehen ist, der die klassische Unterscheidung von poiesis und praxis überschreitet und Kunst als allelopoietischen Formgebungsprozess bestimmt. Formativität wird dabei nicht mit Performativität identifiziert, sondern als dynamischer Nexus von autopoietischem Vollzug und orientierender Formkraft gefasst, in dem forma formans und forma formata sich wechselseitig hervorbringen. Im ersten Schritt wird gezeigt, wie Pareyson Baumgarten, Kant, Vico und Croce liest und den Übergang von einer primär kontemplativen Ästhetik hin zu einer produktionsästhetischen Perspektive vorbereitet. Im zweiten Schritt werden das operative Modell (am Beispiel von P. Valéry) und das organische Modell (am Beispiel von J. W. Goethe) als komplementäre Zugriffspunkte auf den Formgebungsprozess analysiert, um Pareysons Konzeption der Formkraft, des Gelingens sowie der Dialektik von forma formans und forma formata zu präzisieren. Im dritten Schritt wird die spezifische Zweckmäßigkeit der Kunst in drei Dimensionen entfaltet: als Erschließung der allgemeinen Formativität menschlichen Tuns, das auf die Hervorbringung von Formen ausgerichtet ist, als Aufweis der Grenze begrifflicher Erkenntnis und als Öffnung bisher unerreichter Wirklichkeitsdimensionen, wodurch Kunst sich als paradigmatische Schule des Sehens, Deutens und Antwortens auf Wirklichkeit erweist. Gianluca.deCandia@khkt.de
Liliana Gomez
Ecooperations: A Proposal for Critical Ecologies in the Arts As we understand them, eco-operations are less about describing human interactions in response to environmental harm and more about rethinking the concept of the environment in terms of human and more-than-human entanglements. Plants, forests, rivers, oceans, mountains, soils, and other elements of the natural world are participating in what we propose to call eco-operations. Following this conceptual perspective, we are interested in the transformative force that emerges between human, animal and plant communities in spaces that are often represented as ruins or highly toxic areas, extractive zones, or simply deserts of monocultures. Participating in the discussion of the blind spots and shortcomings in the understanding of the Anthropocene, particularly regarding long colonial histories and their violent entanglements, our talk engages with artists' interventions into the world from the most ruined places, moving towards planetary well-being. liliana.gomez@uni-kassel.de
Alexandra Hopf
Eingriffskraft der Künste: Künstlerisches Handeln als selbstermächtigende und widerständige Praxis in der Kunsttherapie. Was künstlerisch Schaffende mit ihren Aktionen beabsichtigen, ist vielgestaltig und von dem Feld abhängig, in dem sie tätig werden. Die im folgenden Vortrag entwickelte Perspektive thematisiert die Eingriffskraft der Künste als Handlungen im künstlerischen und therapeutischen Feld. Dabei kommen Erfahrung, Wahrnehmung und Reflexion dieser Handlungen als beschreibbare Phänomene in ihrem Verlauf zur Geltung. Der Ausgangspunkt dieser Einordnung ist also ein praxeologisch und induktiv fundierter. Die Bildenden Künste, aber auch deren angewandte Felder, wie das der Kunsttherapie, sind in eine kapitalisierte und ökonomisierte Gegenwart eingebettet, wie es sich bereits im Exposé dieser Tagung andeutet. In der Kunsttherapie werden künstlerische Handlungsräume in geschützten Settings eröffnet, sodass sich die künstlerische Agency begleiteter Menschen entfalten kann. Insofern wird ein ergebnisoffenes und zugleich kritisches Handeln gegenüber Funktionalität und Verwertbarkeit von Werken und Aktionen unterstützt. Das explorative Handeln der Akteure wird zu einer subjektiven und erfahrungsbasierten Antwort auf individuelle, soziale und gesellschaftliche Anliegen und Herausforderungen und entfaltet dabei seine spezifische Wirkung, die über das Individuelle hinaus wieder in die Gesellschaft zurückwirkt. hopf@hfbk-dresden.de
Enrico Hörster
Wirkungsvolles Wissen? Eine Überlegung zu einer Anspruchshaltung künstlerisch produzierten Wissens Der Beitrag versucht sich an einer soziologischen Einordnung der Idee, dass künstlerisches Wissen Wirkung entfalten kann.Folgende Frage soll zur Diskussion gestellt werden: Welche Wirkungsmechanismen künstlerischen Wissens lassen sich soziologisch bestimmen? Zwei Wirkungsmechanismen sollen in diesem Zusammenhang vorgestellt werden: Der Mechanismus der Rekursivität künstlerischen Wissens im Sinne der doppelten Hermeneutik (Giddens) sowie der Mechanismus des reality checks von sozialen Normen (Luhmann) in Form von Kunstskandalen. Im Rückgriff auf diese beiden Wirkungsmechanismen soll das Potenzial künstlerischen Wissens für die Bearbeitung gesellschaftlicher Problemstellungen befragt werden.
Peter Jelavich
Wendepunkt documenta fifteen Rückblickend wird die documenta fifteen (Kassel 2022) weithin als Wendepunkt angesehen, da sie etliche Streitpunkte hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Künstler*innen, dem Staat und der Öffentlichkeit in Deutschland in den Blickpunkt rückte. Dieser Vortrag wird eine Reihe von Fragen, die durch die documenta fifteen aufgeworfen wurden, beleuchten: Haben öffentlich finanzierte Ausstellungen das Recht, Werke zu zeigen, die als diskriminierend angesehen werden können? Hat der Staat, der die Ausstellung finanziert, das Recht, einzugreifen? Welche Rolle spielt die Öffentlichkeit im Umgang mit diskriminierenden Kunstwerken? Und ganz allgemein: Welche Rolle spielen politische Aussagen in Kunstwerken, insbesondere wenn diese in öffentlich geförderten Ausstellungen gezeigt werden? Dieser Vortrag wird sich mit diesen Fragen im aktuellen deutschen Kontext befassen und dabei warnende Vergleiche zur Situation in den Vereinigten Staaten sowie zur drohenden Gefahr durch antizipierte rechtsextreme Regierungen in den deutschen Bundesländern anstellen. (English) A Turning Point: documenta fifteen In retrospect, documenta fifteen (Kassel 2022) is widely regarded as a turning point, inasmuch as it brought into view a number of critical issues concerning the relationship of artists, the state, and the public sphere in Germany. This talk will highlight a number of questions raised by documenta fifteen: Do publicly funded exhibitions have a right to display works that are arguably discriminatory? Does the state that funds the exhibition have a right to intervene? What is the role of the public sphere in confronting discriminatory art? And more generally: What is the role of political statements in artworks, especially when they are displayed in publicly funded exhibitions? This talk will address these issues within the current German context, with cautionary comparisons to the situation in the United States and the looming threat of projected rightwing governments in the German states. jelavich@jhu.edu
Christa Kamleithner
Spielräume: Kunst und Umwelt, ca. 1950 bis 1970 Das Spiel war ein Schlüsselthema der europäischen Nachkriegsavantgarden. Für die Independent Group und die Situationistische Internationale etwa hatte es zentrale Bedeutung: Das Spiel war Gegenstand von Manifesten und Fotografien; unter seiner Prämisse entstanden neue, spielerische Kunstpraktiken, Modelle für eine neue Stadt oder Ausstellungskonzepte, die das Publikum zum Spielen anregen sollten. Auch das Happening zielte auf die Erzeugung von Spielsituationen, ebenso wie die Spielskulpturen, die sowohl in Museen wie in Grosswohnsiedlungen Einzug hielten. Spätestens um 1970 war das Thema Spiel allgegenwärtig: Kunstpädagogik und Sozialpsychologie forderten Spielräume, die zweckfreies Handeln ermöglichen, ebenso die Stadtpolitik – die dabei an die Einrichtung von Fussgängerzonen dachte. Der Vortrag geht dem Zusammenhang von Kunst und Spiel in den 1950er und 60er Jahren nach, der sich wesentlich aus der Kritik an einer Umwelt speiste, aus der das Spiel weitestgehend verbannt war. Er fragt nach dem Erfolg jener kritischen Praxis, die in dieser Zeit im Zwischenfeld von Kunst, Pädagogik und Architektur entstand, ihrem Zusammenhang mit dem damals stattfindenden Stadtumbau und ihrem Verhältnis zur Entstehung einer Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft, in der der Gegensatz von Spiel und Arbeit scheinbar aufgehoben ist. Wie kritisch oder affirmativ war diese Praxis, die das zweckfreie Spielen einforderte? Wie emanzipativ können spielerische künstlerische Praktiken heute noch sein? christa.kamleithner@khist.uzh.ch
Florian Klinger
Fabienne Liptay
Ecooperations: A Proposal for Critical Ecologies in the Arts As we understand them, eco-operations are less about describing human interactions in response to environmental harm and more about rethinking the concept of the environment in terms of human and more-than-human entanglements. Plants, forests, rivers, oceans, mountains, soils, and other elements of the natural world are participating in what we propose to call eco-operations. Following this conceptual perspective, we are interested in the transformative force that emerges between human, animal and plant communities in spaces that are often represented as ruins or highly toxic areas, extractive zones, or simply deserts of monocultures. Participating in the discussion of the blind spots and shortcomings in the understanding of the Anthropocene, particularly regarding long colonial histories and their violent entanglements, our talk engages with artists' interventions into the world from the most ruined places, moving towards planetary well-being. fabienne.liptay@fiwi.uzh.ch
Sebastian Mühl
Kunst als Waffe: Zum Gebrauch und Missbrauch der Künste als Propaganda Wie kann man über Gebrauch und Missbrauch der Künste als politisches Instrument in der Gegenwart sprechen? Propaganda als Platzierung von interessegeleiteten Narrativen in gesellschaftlichen Diskurs- und Informationsräumen ist allgegenwärtig, Propagandakunst hingegen als eine genuine Kunstpraxis, die politischen Zwecken dient, Meinungen und Realitäten formt, scheint auf den ersten Blick alles andere als gegenwärtig, handelt es sich doch um eine Instrumentalisierung der Künste, die ihren Autonomieanspruch unterläuft. Dabei zeigt der Blick in die Gegenwart, dass die Künste immer häufiger zum Schauplatz von Kämpfen um kulturelle Hegemonie werden und dass Kunst als Waffe im politischen Kampf dient. Die Frage nach dem Charakter und der Legitimität von Propagandakunst in heutigen Kontexten führt direkt in das komplizierte Verhältnis von Kunst und Politik seit der Moderne. Der Vortrag vermisst das Feld und versucht einige Thesen zum Verhältnis von Propagandakunst und einer demokratischen Kultur der Gegenwart zu formulieren. sebastian.muehl@zhdk.ch
Christophe Pébarthe
Les effets de l’art sur la démocratie. Généalogie d’une tragédie contemporaine. Die Auswirkungen der Kunst auf die Demokratie. Genealogie einer zeitgenössischen Tragödie. Quels sont les effets de l’art sur la démocratie ? Depuis le 19ème siècle, la réponse à cette question est loin d’être évidente, tant l’art est devenu un ensemble de ressources rares instituant une séparation radicale entre une minorité d’élus (les artistes) admirés par une masse de consommateurs passifs. L’histoire montre qu’il n’en n’a pas toujours été ainsi. A Athènes, l’art tragique produisait un double effet : permettre l’apparition du dêmos à lui-même, dans sa pluralité et ses contradictions, et dévoiler le fond d’incertitude de la démocratie, qui oblige à une délibération sans fin et à des décisions nécessairement collectives. C’est sur le fond de cette analyse des effets de l’art sur la démocratie que nous aborderons la genèse d’une tragédie contemporaine que nous avons créée en 2022 au Théâtre Populaire Romand (TPR) de la Chaux-de-Fonds : Démocratie ! Un spectacle dont vous pourriez être les héros. Welche Auswirkungen hat die Kunst auf die Demokratie? Seit dem 19. Jahrhundert ist die Antwort auf diese Frage alles andere als offensichtlich, da die Kunst zu einem Ensemble seltener Ressourcen geworden ist, das eine radikale Trennung zwischen einer Minderheit Auserwählter (den Künstlern) und einer Masse passiver Konsumenten schafft. Die Geschichte zeigt, dass dies nicht immer so war. In Athen hatte die Tragödie eine doppelte Wirkung: Sie ermöglichte es dem dêmos, sich selbst in seiner Vielfalt und seinen Widersprüchen zu offenbaren, und deckte zugleich die grundlegende Ungewissheit der Demokratie auf, die zu endlosen Beratungen und zwangsläufig kollektiven Entscheidungen zwingt. Vor dem Hintergrund dieser Analyse der Auswirkungen der Kunst auf die Demokratie werden wir uns mit der Entstehung einer zeitgenössischen Tragödie befassen, die wir 2022 am Théâtre Populaire Romand (TPR) in La Chaux-de-Fonds inszeniert haben: Demokratie! Ein Stück, in dem Sie die Helden sein könnten. pebarthe@yahoo.fr
Anna Polze
Einrichtung im Unbequemen. Künstlerische Erforschungen des “pOstdeuschen” bei Henrike Naumann und Sung Tieu Der Vortrag widmet sich der künstlerisch forschenden Praxis von Henrike Naumann und Sung Tieu anhand der gemeinsamen Ausstellung der beiden Künstlerinnen im deutschen Pavillon auf der diesjährigen Venedig-Biennale. Mit Blick auf die deutsch-deutschen Umbrüche in den 1990er Jahren und die Gewalteskalationen im Zuge der sog. „Baseballschlägerjahre“ erproben die Künstlerinnen ästhetische Verfahren der Öffnung und Veruneindeutigung der Nachwendezeit, deren Wirkmacht ich mit Bezug auf deutsche Erinnerungspolitiken untersuchen möchte. Mikropolitiken des Alltagsdesigns und die Gewalt staatlicher Bürokratien, rechtsradikale Ideologien und Migrationsgeschichten stehen bei Naumann und Tieu als verflochtene Themen der deutschen Gesellschaft nach 1990 im Raum. Dazu versammeln die Künstlerinnen heterogene Objekte des domestischen Alltagsdesigns, die von Stühlen, Wandbildern, Salatbestecken und Intarsien bis hin zu Gebäudefassaden reichen. Jedes dieser Objekte ist Teil einer Referenzkette aus Archivforschung, Biografiearbeit und ästhetischer Praxis, auf die ich mit Bezug auf die besondere Eingriffskraft künstlerischer Forschung eingehen werde. Durch diese Arbeit an der mehr-als-menschlichen Zeugenschaft (Richardson, Schuppli) der Objektkonstellationen des Pavillons fordern Naumann und Tieu eine Einübung in Ambiguitätstoleranz, indem sie biographische Referenzen und die Wertschätzung ihrer Eltern- und Großelterngeneration mit der Warnung vor faschistischen Entwicklungen der Gegenwart kombinieren. Der Vortrag betrachtet die Arbeiten von Naumann und Tieu daher als Vermessung des „pOstdeutschen“ (Rosenfeld/Husse) im Kontext gesamtdeutscher gesellschaftlicher Transformationen. anna.polze@ruhr-uni-bochum.de
Sophia Prinz
„Too soon to tell“. Über relative Wirksamkeit. Ausgehend von einer praxistheoretischen Bestimmung des Ästhetischen widmet sich der Vortrag dem Imperativ dersozialen Wirksamkeit von Kunst – und das in zweifacher Hinsicht: zum einen wird die neoliberale Indienstnahme der Künste für sozialpolitische Herausforderungen hinterfragt. Die künstlerische Prasxis, so das Argument, zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie das «Sicht- und Sagbare» einer Zeit transzendiert und sich folglich auch der etabliertenBestimmung dessen entzieht, was als “gesellschaftlich relevant” gilt. Im Umkehrschluss heisst das aber nicht, dass die Kunst gänzlich «autonom» sei. Im Gegenteil: Gerade weil Kunst die bestehenden Wahrnehmungs- und Wissensordnungen durcharbeitet, kann sie sozial wirksam werden. Allerdings lässt sich diese ästhetische Wirksamkeit weder messen noch vorhersagen – ja womöglich zeigt sie sich erst dann, wenn keiner mehr damit rechnet. sophia.prinz@zhdk.ch
Marie-France Rafael
Gemeinsam handeln – gemeinsam wirken? Zur Intentionalität kollektiver Kunstproduktion Die Entscheidung, gemeinsam zu arbeiten, ist selbst ein intentionaler Akt – einer, der dem Werk vorausgeht und die Bedingungen seiner Entstehung festlegt. Der Beitrag nimmt diesen Akt zum Ausgangspunkt und fragt, was mit dem Begriff der künstlerischen Handlung geschieht, wenn sie nicht länger als vereinzelte gedacht werden kann. Denn kollektive Praxis – ob als Duo, als temporäre Gemeinschaft oder als Kollektiv – verteilt das Handeln auf mehrere: Ein und dieselbe Handlung geht aus verschiedenen, mitunter divergierenden Absichten hervor. Zur Debatte steht damit weniger die Zahl der Handelnden als das, was ihre Vereinzelung überhaupt voraussetzt: Was wird aus der Rede von Intentionalität, wenn die stillschweigende Annahme fällt, Kunst sei das Werk eines Einzelnen? Fällt die Vereinzelung des Handelns, verschiebt sich auch das Modell seiner Wirkung. Ursula K. Le Guin hat in The Carrier Bag Theory of Fiction (1986) der „killer story" – der linearen Erzählung des Pfeils, des Ziels und des einzelnen Helden – das Modell des Behälters, der Sammeltasche entgegengestellt. Diese Absage lässt sich als Absage an ein Verständnis von Wirkung als Eingriff lesen: Wirken hieße dann nicht treffen, sondern sammeln, halten, weitertragen – eine Wirksamkeit, die sich nicht im Moment der Intervention bemisst, sondern in ihrer Dauer. Genau darin, so meine These, liegt die Wirkung kollektiver Praxis. Kollektivierung wird häufig um der Wirkung willen gewählt: Positionen, die aus marginalisierten Lagen heraus operieren, bündeln sich, um Strukturen herzustellen, die fehlen – Sichtbarkeit, Reichweite, Verhandlungsmacht. Die Absicht richtet sich damit von vornherein auf Dauer. Und weil geteiltes Handeln nicht reibungslos verläuft, muss sie fortwährend ausgehandelt werden: Intention und Wirkung oszillieren, korrigieren einander, werden im Prozess immer wieder neu austariert. Die Reibung ist dabei keine Störung des Vorhabens, sondern seine Arbeitsform. Dass sich mit dem Handeln auch die Verantwortung verteilt, gehört allerdings zum selben Befund: Die Frage der Zurechenbarkeit wird durch Kollektivität nicht gelöst, sondern verschärft. Vor allem an feministischen Kollektivpraktiken der Gegenwart möchte ich abschließend zur Diskussion stellen, welche Kunst unsere Gegenwart verlangt – und ob sie von Einzelnen überhaupt noch zu leisten ist. marie-france.rafael@zhdk.ch
Laura Rogalski
Situierte Vollzüge: Zur Hervorbringung von Wirksamkeitserwartungen in Praktiken künstlerischen Intervenierens Der Vortrag untersucht, wie Praktiken künstlerischen Intervenierens Erwartungen an die eigene gesellschaftliche Wirksamkeit hervorbringen und verhandeln. Ausgangspunkt ist das Spannungsverhältnis zwischen einem normativen Leitbild künstlerischer Autonomie und einem vor dem Hintergrund gegenwärtiger Krisen wachsenden Wirkungsanspruch, der künstlerische Praxis verstärkt unter dem Aspekt gesellschaftlicher Relevanz und messbarer Ergebnisse adressiert. Auf Basis eines praxistheoretischen Ansatzes wird Wirksamkeit dabei nicht als quantifizierbare Größe, sondern als relationales und situiertes Moment ästhetischer Praktiken begriffen. Empirisch stützt sich die Analyse auf zwei Fälle: den aktivistischen Chor und Orchester Lebenslaute sowie das Neue-Musik-Ensemble FrauVonDa, die jeweils über mehrere Monate ethnographisch begleitet wurden. Die Untersuchung zeigt, dass Wirksamkeitserwartungen nicht auf explizit artikulierte Ziele beschränkt bleiben, sondern in historisch und kulturell situierte Selbstverständnisse, Poetiken und Vollzugssituationen eingeschrieben sind. Zudem sind sie innerhalb der Kollektive selbst umstritten: Konflikte entstehen dabei vor allem zwischen ästhetischem Anspruch, politischer Effektivität und ethischer Praxis. Künstlerische Interventionen werden so als eigenständige Praxisformation zwischen Kunst und Aktivismus sichtbar. Damit leistet der Vortrag einen Beitrag zu einer empirisch fundierten Soziologie der Künste, die das Verhältnis von Kunst und Politik aus der Analyse konkreter Praktiken heraus rekonstruiert. laura.rogalski@fu-berlin.de
Nils Röller
Phantasie in der Isolationshaft Der Schriftsteller Ahmet Altan zeigt in den „Texten aus dem Gefängnis“ einmal wie Phantasie durch Verfahren gewonnen werden kann, er führt dann aus, wie das im Verhältnis zu schöpferischen Momenten steht. Er achtet und reagiert diszipliniert auf das, was seine Phantasie ihm anbietet. Er schreibt, dass während seiner Gänge im Hof des Gefängnisses Vorstellungen auftauchen. Er »pickt« sie »sofort heraus« und »legt sie zur Seite«. Wenn sie wieder auftauchen, dann verspürt er »eine große Freude«. Sie setzen Fleisch an, werden lebendig und formieren sich zu einer Szene. Daraus entstehen neue Menschen, neue Stimmen, die sich weiter verbreiten wie rasch heranwachsende Setzlinge. Ich sehe die Menschen, ich höre ihnen zu und rede mit ihnen. (Texte, 96) Ausgehend von Altans Schreiben in der Situation der Gefangenschaft und Isolation untersucht der Vortrag, wie Verfahren Impulse zu künstlerischer Produktion setzen können. Dazu unterscheide ich Maschinen von Apparaten. Maschinen setzen mittels organisierter und einsichtiger Verfahren etwas frei, während Apparate dunkel und nicht einsichtig organisiert sind. Das betrifft die Wahrnehmung von Freiheit. nils.roeller@zhdk.ch
Vera Schamal
Wirkung und Wirksamkeit: Künstlerisches Handeln zwischen Prozess und Produktion Von Handlungen als Prozessen statt als Ereignissen zu sprechen, ermöglicht ein Nachdenken über Wirksamkeit viel eher, als ein Denken in Ursache und Wirkung dies zulässt. In meinem Beitrag möchte ich herleiten, was diese handlungstheoretische Korrektur für das künstlerische Handeln bedeuten könnte. Ausgangspunkt ist die Abkehr von der Vorstellung, Handlungen seien Ereignisse mit klaren Ursache-Wirkungs-Beziehungen, wie dies die "Standardtheorie der Handlung" (Vellemann 1992) annimmt. Wenn Handlung hingegen als zeitlich ausgedehnter Prozess verstanden wird, erscheinen Handelnde weniger als Auslöser einzelner Ereignisse, denn als tragende, stabilisierende oder verändernde Faktoren ("sustainers" statt "triggers", Steward 2016). Agency wäre dann ein fortgesetztes und im Sinne der Postphänomenologie "vermitteltes" Tun und Tun-Können, das modifiziert oder aufgegeben werden kann. In einem solchen Prozessverständnis ist künstlerisches Handeln nicht mehr primär über Ereignisse und Ergebnisse definiert, während Intentionalität weniger als Ursprung eines Werkes denn als Orientierung innerhalb eines offenen Prozesses auftritt. Auch Formen der "Unwirksamkeit" werden so analytisch fassbar. Dass künstlerische Praxis immer innerhalb bestimmter Produktionsbedingungen stattfindet und diese selbst Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung werden können, wird durch diese Betrachtungsweise besonders gut beschreibbar, gerade vor dem Hintergrund aktueller Debatten um einen post-neoliberalen „productivism“ (Rodrik 2022). vera.schamal@zhdk.ch
Judith Siegmund
Charlotte Silbermann
„Hope is in complexity“ Installationen als ästhetische Möglichkeiten verstrickter Welterfahrungen. Ausgangspunkt des Inputs ist die These, dass Installationen durch materiell-diskursive Verdichtungen – also durch die räumliche Überlagerung heterogener Materialien, Zeitlichkeiten und Bedeutungsebenen – Erfahrungsräume erzeugen können, die sich einer schnellen Lesbarkeit und Vereinnahmung entziehen. Das Moment der Überforderung ist dabei zentral und soll nicht als Defizit, sondern als Praxis des Aushaltens und Navigierens innerhalb widerständiger Konstellationen verstanden werden. Die Wirkung der Kunst läge hier weniger im Transfer politischer Inhalte als in der Ausbildung von Ambiguitätstoleranz. Mit Arbeiten von Laure Prouvost und Sarah Sze würde ich für ein Wirkungsverständnis der Künste plädieren, das Komplexität nicht reduziert, sondern erfahrbar macht. Angabe zum titelgebendem Zitat: Die Künstlerin Emilia Tikka im Gespräch mit der Biologin und Ornithologin Miriam Liedvogel zum Thema „Epigenetische Erinnerungen. Über Zugvögel, Rentierwanderungen und die Biowissenschaft der Epigenetik“ im Rahmen der Ausstellung Johtingeaidnu – The Path within in der Schering Stiftung Berlin, 11.04.–13.07.2025. silbermann@burg-halle.de
Cecilia Sjöholm
What is climate activism? On aesthetic interventions in the anthropocene Why do climate activists glue their hair to old masterpieces, throw soup or paint, and shout messages to museum visitors? What does it even have to do with environmentalism? Does it make sense, and if so, how? The intentionality of the activist gesture is ambiguous: it is destructive and its aim seems to have little to do with art. What is rarely commented upon, however, is the aesthetic figurations that these actions produce. Can we to conceive of climate activism, acted out in and through art, as an interventionist aesthetics fostering environmental relationality? In my talk, I will be discussing the place of climate art activism within the symbolic regime of the Anthropocene, and its effects on the idea of human agency. cecilia.sjoholm@sh.se
Jonas Staal
Organizational Art: Art Works that World the World In this talk, Jonas Staal will address the field of “organizational art”: artworks that take the form of alternative organizations and institutional forms. Examples include his own New World Summit (2012-ongoing), alternative parliaments Staal makes for and with stateless and blacklisted organizations, as well as his Court for Intergenerational Climate Crimes (2021-ongoing), or CICC, a “climate court” he co-founded with lawyer Radha D’Souza to prosecute states and corporations for climate crimes. The artwork as parliament or the artwork as court, can certainly be analyzed on visual – morphological – and performative grounds, but simultaneously, they are part of a greater “act”: a collective effort not just to make an artwork in the world, but to make art work that worlds the world. To organize the world on fundamentally different principles, and mobilize the imaginary and transformative capability of art to bridge from our impossible present of rising authoritarianism and climate catastrophe, to the possibility of meaningful egalitarian survival in a regenerated biosphere. contact@jonasstaal.nl
Barbara Stiegler
Les effets de l’art sur la démocratie. Généalogie d’une tragédie contemporaine. Die Auswirkungen der Kunst auf die Demokratie. Genealogie einer zeitgenössischen Tragödie. Quels sont les effets de l’art sur la démocratie ? Depuis le 19ème siècle, la réponse à cette question est loin d’être évidente, tant l’art est devenu un ensemble de ressources rares instituant une séparation radicale entre une minorité d’élus (les artistes) admirés par une masse de consommateurs passifs. L’histoire montre qu’il n’en n’a pas toujours été ainsi. A Athènes, l’art tragique produisait un double effet : permettre l’apparition du dêmos à lui-même, dans sa pluralité et ses contradictions, et dévoiler le fond d’incertitude de la démocratie, qui oblige à une délibération sans fin et à des décisions nécessairement collectives. C’est sur le fond de cette analyse des effets de l’art sur la démocratie que nous aborderons la genèse d’une tragédie contemporaine que nous avons créée en 2022 au Théâtre Populaire Romand (TPR) de la Chaux-de-Fonds : Démocratie ! Un spectacle dont vous pourriez être les héros. Welche Auswirkungen hat die Kunst auf die Demokratie? Seit dem 19. Jahrhundert ist die Antwort auf diese Frage alles andere als offensichtlich, da die Kunst zu einem Ensemble seltener Ressourcen geworden ist, das eine radikale Trennung zwischen einer Minderheit Auserwählter (den Künstlern) und einer Masse passiver Konsumenten schafft. Die Geschichte zeigt, dass dies nicht immer so war. In Athen hatte die Tragödie eine doppelte Wirkung: Sie ermöglichte es dem dêmos, sich selbst in seiner Vielfalt und seinen Widersprüchen zu offenbaren, und deckte zugleich die grundlegende Ungewissheit der Demokratie auf, die zu endlosen Beratungen und zwangsläufig kollektiven Entscheidungen zwingt. Vor dem Hintergrund dieser Analyse der Auswirkungen der Kunst auf die Demokratie werden wir uns mit der Entstehung einer zeitgenössischen Tragödie befassen, die wir 2022 am Théâtre Populaire Romand (TPR) in La Chaux-de-Fonds inszeniert haben: Demokratie! Ein Stück, in dem Sie die Helden sein könnten. barbara.stiegler46@gmail.com
Marita Tatari
Die Eingriffskraft des Draußen. Kunstpraxis unter dem Druck totaler Generierbarkeit „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen" (Wittgenstein, Tractatus 6.41). Die technologische Gegenwart lässt sich als Versuch beschreiben, diesen Satz gegenstandslos zu machen: Clouds und Data errichten ein Regime, das alles, was ist, speichert und alles, was sein kann, generiert – als ginge der Sinn im Gespeicherten und Generierten auf. Der Drive dieser Maschinerie ist doppeldeutig zu lesen: als Speicher und als Trieb. Ihr Antrieb ist die Einholung des Draußen. Doch was sie einzuholen versucht, ist, dem Satz von Wittgenstein gemäß, uneinholbar. Eben daraus bezieht sie ihre Wucht. Die Akzeleration der Generierung ist Symptom ihres strukturellen Scheiterns: Weil das Draußen sich nicht in Data umdrehen lässt, muss immer mehr, immer schneller generiert werden. „Unter Druck" heißt hier: unter dem Druck totaler Generierbarkeit. Dem tritt eine andere Form von Eingriffskraft entgegen: die des Sinns selbst, der außerhalb der Welt bleiben muss. Ich schlage vor, dieses Muss in Wittgensteins Satz nicht lediglich als logischen Befund, sondern als Imperativ zu lesen. Können wir ihn in unserer Gegenwart empfinden? Als einen Imperativ, der zur Entsprechung einlädt, Ver-antwortung? Der Beitrag geht Formen von zeitgenössischer Kunstpraxis als verklemmt zwischen dem Imperativ des Uneinholbaren und dem Lieferdruck der Generierung nach. Er fragt nach der Intentionalität der Künste von diesem Zwischenraum her. Ist es möglich, dem Draußen einen Ort zu geben, an dem es als uneinholbar in dieser Welt stattfindet – niemandes und aller? (English) The Encroachment of the Outside. Art Practice under the Pressure of Total Generatability "The sense of the world must lie outside the world" (Wittgenstein, Tractatus 6.41). The technological present can be described as an attempt to render this sentence void: clouds and data erect a regime that stores everything that is and generates everything that can be – as if sense were exhausted by what is stored and generated. The drive of this machinery is to be read in a double sense: as storage and as drive. Its impetus is the retrieval of the outside. Yet what it attempts to retrieve is, according to Wittgenstein's sentence, irretrievable. This is precisely where its momentum comes from. The acceleration of generation is a symptom of its structural failure: because the outside cannot be turned into data, ever more must be generated, ever faster. "Under pressure" here means: under the pressure of total generatability. This is countered by another encroachment: that of sense itself, which must remain outside the world. I propose to read this must in Wittgenstein's sentence not merely as a logical statement, but as an imperative. Can we sense it in our present? As an imperative that invites correspondence, respons-ibility? The contribution traces forms of contemporary art practice as wedged between the imperative of the irretrievable and the delivery pressure of generation. It asks about the intentionality of the arts from within this in-between space. Is it possible to give the outside a place where it takes place in this world as irretrievable – no one's and everyone's?
Simon Teune
Feldtheoretische Perspektiven auf die Wirkung künstlerischer Interventionen gemeinsam verfasst mit Christian von Scheve Feldtheorien haben sich als hilfreich erwiesen, um die Eigenlogik und Reproduktion sozial ausdifferenzierter Handlungs- und Funktionssysteme zu verstehen. Der Vortrag wendet feldtheoretische Überlegungen auf die Analyse von künstlerischen Interventionen an, die zwischen dem Feld der Kunst und dem Feld der Politik verortet sind. Interventionen werden als Herausforderungen verstanden, die ereignishaft in temporären Öffentlichkeiten unhinterfragte Grundannahmen in beiden Feldern sichtbar machen. Deren Wirkung entsteht dabei nicht linear als Ergebnis eines intentional gerichteten Vollzugs, sondern im Kontext komplexer, situativ kontingenter Konstellationen, die andere Beteiligte in Interaktionen mitgestalten. Dabei zeigen sich vielfältige und in Teilen gegenläufige Effekte, die eine Herausforderung gleichzeitig bestätigen und annulieren. simon.teune@fu-berlin.de
Friedrich Weltzien
„Indigene Antifa? Siqueiros Praxis zwischen Produktionsästhetik und Militanz“ David Alfaro Siqueiros inszeniert sich im Mexiko der 1930er Jahren als eine Künstlerfigur, die ihre schöpferische Intention klar als Teil eines politischen Aktivismus‘ begreift, der ausdrücklich auch militante Mittel umfasst. Siqueiros verfolgt mit seiner Kunst ein antiimperialistisches, antifaschistisches und antikapitalistisches Programm, das sich u.a. als Verteidigung indigener mexikanischer Lebensentwürfe gegen westlich-europäische Vereinnahmung versteht. Begründet werden die ästhetischen Mittel mit einer vitalistischen, triebbasierten und humanistischen Kreativitätstheorie (mit Bezug auf u.a. Freud, Bergson, Romain Rolland). An diesem Fallbeispiel lassen sich exemplarisch Zusammenhänge zwischen Intention und Wirkmacht kreativer Praktiken untersuchen, die eine hohe aktuelle Relevanz besitzen (auch wenn eine kritische Evaluation angebracht ist). Handlung als philosophische Kategorie, soziale Praxis und künstlerische Geste lassen sich hier analysieren und benennen.
Mimmi Woisnitza
„Die Kunst ist kein Ziel für sich“: eine kuratorische Aktivierung der revolutionären Theaterpraxis von Asja Lācis Anhand einer Rückschau auf die Ausstellung "'Die Kunst ist kein Ziel für sich'. In Beziehung mit der Konstruktivistin Asja Lācis", die - von mir und der bildenden Künstlerin und Regisseurin Konstanze Schmitt kuratiert - vom 11.4.-28.6.2026 im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien laufen wird, soll die kunsthistorischen, -historisierenden und -historiographischen Spurensuche als intervenierende Praxis befragt werden. Wie lässt sich Bezug nehmen auf eine sich eindeutig als revolutionär und antifaschistisch verstehende Theatermacherin, deren künstlerischen Impulse zunächst von der Oktoberrevolution und dem frühen, experimentellen und formsuchenden Proletkult geprägt waren, bald doktrinär und schließlich durch eine zehnjährige Lagerhaft und anschließend durch die Zwänge sozialistischer Repressionen überschrieben wurden. Wie lassen sich diese notwendig pluralen, sich eindeutigen, linearen Urteilen enthaltenden Bezugnahmen wiederum in prägnante und aktivierende Darstellungformate im Ausstellungskontext bringen? Und inwiefern lassen sich diese Darstellungsformate ihrerseits als Interventionen in zeitgenössische Kunst- und Kulturdiskurse beschreiben? Was kann es heißen, kuratorisch Stellung zu beziehen und wie lassen sich die Wirkungen bzw. Auswirkungen eines solchen Ausstellungsprojektes fassen? mimmi.woisnitza@leuphana.de